»Engel haben nie etwas Zwingendes« 

Der Dresdner Bildhauer und Musiker Reinhard Pontius umkreist das Heilige. Einfangen kann er es nicht – aber sich berühren lassen. Und andere berühren. 

 Text: Andreas Roth // Fotos: Steffen Giersch 

Es gibt Künstler, die auf ihrer Suche etwas aus dem Nichts erschaffen. Bilder, Klänge, Plastiken. Reinhard Pontius trägt lieber ab. Schicht für Schicht, um etwas Verborgenes freizulegen. Im Holz, im Stein, im Singen. Auch in sich selbst. 

Noch bevor er den ersten Ton anstimmt, gibt Reinhard Pontius (55) dem Kreis von Menschen in der Barbarakapelle im Meißener Klosterhof St. Afra dies mit auf den Weg: »Es gibt keine falschen Töne«. Der Ton, der in jedem Einzelnen wohnt, ist der Richtige. So wie das Holz jedes Baums und der Stein jedes Felsens. Dann beginnt er zu singen: »Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr«. Melodien mit der Schlichtheit des Wesentlichen. Einfach, eindringlich, einladend zum Einstimmen. 

»Hagios« nennen sich diese Abende. »Heilig« heißt das auf Griechisch. Reinhard Pontius hat diese Gesänge des Komponisten Helge Burggrabe vor sechs Jahren in der Evangelischen Akademie in Meißen kennen gelernt. Mit deren Studienleiterin Kerstin Schimmel lädt er nun selbst mehrmals im Jahr zu »Hagios-­Abenden« ein. 

Nur eine Kerze brennt in der Mitte. Es sind kurze Lieder, manche einstimmig, manche mehrstimmig. »Da entsteht ein Gefühl von innerem Frieden, einer Ruhe, in die man kommt«, sagt Reinhard Pontius. »Es entsteht ein hoffnungsvoller Raum.« Für ihn ist es ein gesungenes Gebet. 

Ob orthodoxe Hymnen oder der Lichtgesang muslimischer Sufi-Mystiker: »Es gibt eine Sehnsucht nach der Verbundenheit mit dem Göttlichen in allen Religionen. Nach dem Unnennbaren«, glaubt Reinhard Pontius. Nach dem, was Menschen »das Heilige« nennen. Das aber noch nie ein Mensch zu fassen bekommen hat. Auch Reinhard Pontius umkreist es. Er sucht es auch im Holz oder im Stein. Ihn treibt die Frage, wo die Formen herkommen. Und all das Lebendige. 

An der Tür seines Ateliers im Dresdner Stadtteil Tolkewitz hat Reinhard Pontius ein handgeschriebenes Schild angebracht. »Berühren erwünscht«, steht darauf. Mit der Hand fährt er sachte über die Strudel und Wellen auf einer übermannshohen Holzscheibe. »Im Fluss« nennt er sie. Im Wasser ist für ihn das Lebendige am stärksten zu spüren. Wie es strömt, Einflüsse aufnimmt, schafft und zerstört und suchend vorwärts drängt. 

Das Wasser der Taufe hat Reinhard Pontius als Kind von zwölf Jahren ganz bewusst gesucht. Der Vater Naturwissenschaftler und Atheist, die Mutter evangelisch, doch ohne Verbindung zur Kirche. Suchend aber waren auch sie. Es war die Musik, die dem Kind und dem Jugendlichen Reinhard Pontius die Tür in eine andere Welt öffnete. Erst in der Kurrende in Leipzig und Erfurt, später Singewochen und der Dom-Chor in Meißen. Gottesdienste, Oratorien, Bach und Schütz. Da strahlte etwas 

Und doch war sein Glaube lange heimatlos. Mit 20 begab er sich auf eine innere Wanderschaft, die in Wirklichkeit eine Gottsuche war. Die Kunst wurde dabei seine Wanderkarte. Nur dass sie ihm keine vorgezeichneten Wege offenbarte. Dafür einige Überraschungen. So wie die Linde, die er eines Tages nach einem Sturm gefällt in der Nähe seines Ateliers fand. Gegen einen Kasten Bier brachten ihm Arbeiter das tote Holz in die Werkstatt. 

Aus ihm hat der Bildhauer drei stammesdicke Spiralen geschält. Die Erste schützend wie der Kinderglaube und doch in sich verkrümmt und mit Stacheldraht umgeben wie ein Gefängnis. Die zweite Spirale rissig, halb versunken schon im scheinbar tragenden Grund und nach außen spitze Nägel ausfahrend. In der Dritten dagegen wird die Verkrümmung zu einer Welle, die sich aufrichtet und in die Freiheit entlässt. Für Reinhard Pontius spiegelt sich in diesen Lindenhölzern seine Suche nach dem Sinn des Lebens. Und nach dem lebendigen Gott. 

In Pontius' Atelier ist aus der Nachbarwerkstatt das Klopfen eines Steinmetzes zu hören. Überall liegen Späne. Neben der Werkbank warten Sägen, Meißel, Feilen und Schleifpapier auf die Arbeit an neuen Formen. Manches aber lässt sich nur als Negativ abbilden, als Abglanz. 

Wie einer seiner Engel. Fast nur aus der Rinde eines Nussbaums scheint er zu bestehen. Nur in einer vagen Andeutung. Als hätte der Künstler eine Scheu, das Heilige selbst darzustellen. Weil es nicht fassbar ist. Und lehren nicht deshalb die Bibel, die Traditionen des Judentums wie des Islams: Du sollst dir kein Bildnis machen? 

Diese Frage hat sich der Bildhauer Reinhard Pontius oft gestellt. Besonders, als er an einem 2,90 Meter hohen Eichenstamm arbeitete, der für den Bau der umkämpften Dresdner Waldschlößchenbrücke gefällt worden war. Pontius sah die Gestalt des Erzengels Michael in ihm. Er versuchte sich ihm zu nähern, indem er sich von all seinen bisherigen Bildern von Engeln freimachte. Er fragte Michael: »Wie möchtest du aussehen?« Er begab sich in einen meditativen Dialog. Er wollte offen werden.