Zwischen Wolken und Polareis
Europa erwärmt sich so schnell wie kein anderer Kontinent. Der aktuelle Europäische Klimazustandsbericht zeigt: In Europa lag der Temperaturanstieg 2025 bereits bei rund 2,5 Grad
Celsius. Warum sich Europa stärker erwärmt und welche Maßnahmen den Klimawandel wirklich aufhalten, erklären die sächsischen Klimaforscher Johannes Quaas und Mirko Scheinert.
Die Fragen stellte Iris Milde.
Herr Dr. Scheinert, Sie sind Geodät und Forschungsreisender. Wo sind Sie schon zu Forschungszwecken gewesen?
Mirko Scheinert: Besonders interessieren mich die Polargebiete mit den beiden großen Eisschilden in Grönland und Antarktika. 1990 habe ich das erste Mal an einer Expedition mit dem deutschen Forschungsschiff »Polarstern« teilgenommen. Seitdem war ich zehnmal in Grönland und siebenmal in der Antarktis. Darüber hinaus haben wir Messungen im Gebiet der Patagonischen Eisfelder in Argentinien und Chile und auch Untersuchungen in Italien durchgeführt.
Geodäsie ist die Wissenschaft von der Vermessung der Erde. Da denke ich natürlich sofort an Daniel Kehlmanns Roman »Die Vermessung der Welt« über Alexander von Humboldt und den Mathematiker
und Geodäten Carl Friedrich Gauß. Was vermessen Sie heute?
Mirko Scheinert: 2024 waren wir mit dem Forschungsschiff »Polarstern « in der Ostantarktis. Dort gibt es den Gaußberg, entdeckt von der ersten deutschen Südpolar-Expedition 1901 bis 1903. Wir arbeiten heute mit satellitengestützter Vermessung und mit dieser Technologie sind wir in der Lage, beliebige Punkte auf der Erde millimetergenau zu bestimmen. Wir wollen schauen, wie sich die Erdkruste verändert, wenn
die Eismassen zurückgehen. Zum Beispiel haben wir in Skandinavien immer noch eine postglaziale
Landhebung von einem Zentimeter pro Jahr, obwohl der Fennoskandische Eisschild bereits vor etwa 12 000 Jahren komplett abgeschmolzen war. Das können wir auf die Antarktis und Grönland übertragen.
Dr. Mirko Scheinert und sein
Team messen, wie stark das
Polareis auf dem Land durch
den Klimawandel zurückgeht.
Das hat nicht nur Folgen für
das Leben in der Antarktis,
sondern auch für Europa.
© Ralf Rosenau
Dr.-Ing. Mirko Scheinert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dresden. Der Geodät
erforscht die Veränderungen
der großen Eisschilde der Erde, wofür er regelmäßig in die
Polarregionen reist.
© Mirko Scheinert
Dr. Mirko Scheinert war bereits zehnmal in Grönland und siebenmal in der Antarktis.
© Ralf Rosenau
Herr Prof. Quaas, Sie beschäftigen sich mit Theoretischer Meteorologie. Sie forschen vom Schreibtisch aus. Was untersuchen Sie?
Johannes Quaas: Mein Schwerpunkt ist die Rolle von Wolken im Klimawandel, denn im Klimawandel verändern wir Menschen die Wolken. Wolken bestehen aus zehn Mikrometer großen Tröpfchen
und die einzelnen Tröpfchen bilden sich auf sogenannten Kondensationskeimen, das sind Partikel in der Atmosphäre. Und wenn man fossile Brennstoffe oder anderes Pflanzenmaterial verbrennt, entstehen
solche Partikel, auch Aerosole genannt. Wenn zusätzliche Partikel in der Atmosphäre sind, bilden sich mehr
Wolkentröpfchen.
Wenn sich mehr Wolkentröpfchen bilden, warum wird es dann trockener? 70 Prozent der Flüsse in Europa führten 2025 weniger Wasser als gewöhnlich.
Johannes Quaas: Ja, aber das ist nur ein kleiner Effekt. Für Regen muss man sich anschauen, wie viel Wasserdampf in der Atmosphäre ist. Wenn Wasserdampf gehoben wird, fällt er irgendwann als Regen runter. Bei steigenden Temperaturen steigt der Wassergehalt der Luft. Und damit insgesamt der Regen. Aber wie genau? Die Zirkulationsmuster ändern sich durch den Klimawandel. Die Gebiete, die trocken sind, bekommen noch weniger Niederschlag. Wo viel Luft gehoben wird, es also feuchter ist, fällt noch mehr Regen. Mitteldeutschland ist eine relativ feuchte Region. Hier wird der Winter feuchter und trotzdem auch der Sommer trockener.
Welche Veränderungen der Wolken oder des Polareises haben Sie in Ihrer Arbeit festgestellt?
Mirko Scheinert: Wir haben zum einen das landbasierte Eis, die sogenannten Eisschilde, und zum anderen die Meereisbedeckung, also die Eisschicht auf dem Polarozean. Und wir sehen, dass die Meereisbedeckung
sowohl in der Ausdehnung als auch in der Dicke zurückgeht. Wenn es weniger Eis gibt, wird weniger Sonnenstrahlung reflektiert. Der dunkle Ozean nimmt mehr Wärme auf und das beeinflusst das Wetter. Zum Beispiel haben die gestiegenen Wassertemperaturen und damit die höhere Luftfeuchte im Frühjahr zu den Starkregenereignissen in Italien, Spanien und Portugal geführt. Im Vergleich zu anderen Regionen erwärmt sich die Arktis überdurchschnittlich. Und es ist eigentlich klar, dass der grönländische Eisschild in mehreren
Tausend oder Zehntausend Jahren verschwindet, weil diese Entwicklung irgendwann unumkehrbar wird. Selbst wenn wir es schaffen sollten, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.
Wohin führt uns das?
Mirko Scheinert: Im pessimistischen Fall kann das einen Meeresanstieg von einem Meter bis zum Jahr 2100 bedeuten. Regional kann das höher oder niedriger ausfallen. Aber man muss bedenken, dass die Mehrheit der Menschen in Küstenregionen lebt und davon betroffen sein wird.
Prof. Dr. Johannes Quaas lehrt und forscht an der Universität Leipzig. Das Spezialgebiet des Theoretischen Meteorologen
ist die Rolle von Wolken im
Klimawandel.
© JQuaas, Foto: Kathleen Busies
2024 führte das Team der TU Dresden Messungen am
Gaußberg in der Ostantarktis durch.
© Erik Loebel
Entdeckt wurde der nach
Carl Friedrich Gauß benannte Berg von der ersten deutschen
Südpolar-Expedition 1901 bis 1903.
© Mirko Scheinert
Herr Quaas, Sie modellieren, das heißt, Sie schauen gewissermaßen in die Zukunft. Was denken Sie, wohin die Reise geht?
Johannes Quaas: Klimaprojektionen hängen stark davon ab, was die Menschen in Zukunft tun. Abhängig davon können wir sagen, was die Konsequenzen wären. Mehr Partikel in der Atmosphäre heißt, die Wolken sind von unten gesehen dunkler und von oben gesehen heller. Sie reflektieren also mehr Sonnenlicht ins Weltall zurück und weniger Sonnenlicht wird absorbiert. Der zweite Effekt ist, dass generell mehr Wolken entstehen. Beides wirkt abkühlend. Das heißt, je verschmutzter die Luft ist, desto größer ist dieser abkühlende Effekt.
Es heißt ja Klimaerwärmung. Sie sagen aber, es wird kühler?
Johannes Quaas: Es wird kühler, wenn die Luft verschmutzt ist, aber schmutzige Luft ist schädlich für die menschliche Gesundheit und die Gesundheit der Ökosysteme. Lange haben die Treibhausgase erwärmt, die Aerosole haben abgekühlt. Der Treibhauseffekt wurde also teilweise kompensiert. In den vergangenen 25 Jahren hat sich die Luftqualität im globalen Mittel verbessert. Das ist einer der Gründe, warum sich der Klimawandel stark beschleunigt hat, besonders in Europa. Aber die Lösung ist sicher nicht, Fossile zu verbrennen und die Schwefelfilter wieder auszubauen. Damit stoppen wir den Klimawandel nicht.
Es ist noch nicht lange her, da wurden Einweg-Plastiktüten und Einweg-Trinkhalme aus Kunststoff in der EU verboten, Schüler haben freitags fürs Klima gestreikt und es wurde eine Bundesregierung mit grüner Beteiligung gewählt. Waren das gute Jahre fürs Klima?
Johannes Quaas: Ich möchte gar keine Parteipolitik machen, aber wir sehen: Wenn die Menschen für eine Partei stimmen, der Klimaschutz wichtig ist, dann passiert dramatisch viel Gutes. Schauen wir zum Beispiel zurück auf die erste Bundesregierung mit grüner Beteiligung in den frühen Nullerjahren. Was damals Ökosteuer hieß, ist vermutlich der wesentliche Motor für die positiven Veränderungen, die wir heute auf dem Weltmarkt mit der Photovoltaik sehen. Photovoltaik ist ja eine vielversprechende Lösung, weil es einfach billig ist, auf erneuerbare Energien zu setzen. Aber ohne die Ökosteuer und das Erneuerbare-Energien-Gesetz
in Deutschland hätte es viel länger gedauert. Wir haben damals eine Vorreiterrolle eingenommen und haben den internationalen Klimaschutz dramatisch befördert. Ein Verbot von Plastiktüten und Trinkhalmen – das ist gut gegen Umweltverschmutzung, aber fürs Klima egal. Der Ausstoß von Treibhausgasen muss Geld kosten, damit die Wirtschaft Innovationen hervorbringt und davon wegkommt, stupide nur Fossile zu verbrennen. Wer Fossile verbrennt, muss für die Schäden bezahlen, die er damit verursacht.
Mirko Scheinert: Früher gab es die Parole der Grünen, ein Liter Sprit müsse 5 DM kosten. Da sind wir langsam. Aber ich sehe natürlich auch das soziale Problem. Man muss die Menschen mitnehmen. Das Heizungsgesetz war ein guter Ansatz, nur leider schlecht kommuniziert.
Wenn Energie teurer wird, verteuern sich auch Waren. Ärmere Menschen, die in der Regel am wenigsten zum Klimawandel beitragen, leiden am meisten darunter. Das zu lösen, ist natürlich nicht die Aufgabe von Klimaforschern. Aber auch der Ausbau der Erneuerbaren und der Netzinfrastruktur
ist mit großen Investitionen verbunden.
Mirko Scheinert: Wir müssen gleichzeitig bedenken, dass uns die Kosten des Klimawandels viel teurer kommen als alles, was wir jetzt noch machen könnten, um vernünftig gegenzusteuern.
Johannes Quaas: Die Regierung Trump hat im März dem Energiekonzern TotalEnergies eine Milliarde Dollar
gezahlt, um ein fast fertig gebautes Windkraftwerk nicht in Betrieb zu nehmen. Zurzeit werden öffentliche Mittel darauf verwendet, verzweifelt an Fossilen festzuhalten, obwohl Erneuerbare viel billiger sind.
Der Geodät Dr. Mirko Scheinert von der TU Dresden bei
Messungen in der Westanarktis
© Ralf Rosenau
Camp des Forschungsteams am Gaußberg
© Mirko Scheinert
Forschungsaufbau am Gaußberg
© Mirko Scheinert
Die aktuelle Bundesregierung will eine Stärkung der Wirtschaft erreichen und lockert dafür Vorgaben für den Klimaschutz. Sie möchte zum Beispiel neue Gaskraftwerke als Reserve nach dem Kohleausstieg bauen und setzte sich für eine Aufweichung des Verbrennerauses bei der EU ein. Kann so der Balanceakt zwischen starker Wirtschaft und Klimaschutz geschafft werden?
Johannes Quaas: Das ist ein falsches Narrativ, zu sagen, weniger Klimaschutz würde der Wirtschaft nutzen. Das hilft einzelnen Akteuren in der Wirtschaft kurzfristig. Die meisten Entscheider in der Wirtschaft verstehen, was auf uns zukommt. Sie brauchen Planbarkeit und dafür muss die Politik die richtigen Vorgaben machen. Zum Beispiel eine Steuer erheben, die klein anfängt und immer weiter steigt, sodass Planbarkeit entsteht und sich Investitionen in Innovationen lohnen.
Was müsste außer der Besteuerung von Energie noch geschehen, was dem Klima wirklich hilft?
Mirko Scheinert: Man müsste das konsequent in allen Bereichen durchsetzen, zum Beispiel auch im Luftverkehr, der bisher von der Ökosteuer ausgenommen ist.
Muss Deutschland eine Vorreiterrolle einnehmen?
Mirko Scheinert: Klimaschutz sollte nicht an den Grenzen stehen bleiben. Oft heißt es: Was wir machen, hat doch gar keine Auswirkungen. Aber wenn alle so denken, dann ändert sich nichts.
Johannes Quaas: Es hat einen unglaublichen Nutzen, wenn einzelne Nationen vorangehen. Hätte Deutschland das mit der Ökosteuer durchgezogen und die darauffolgende Bundesregierung sie nicht wieder abgeräumt, wären wir jetzt Technologieführer für erneuerbare Energien und würden dieses Feld nicht China überlassen.
Gibt es Dinge, die jeder Einzelne wirkungsvoll fürs Klima tun kann?
Mirko Scheinert: Jeder kann sein Verhalten analysieren. Muss ich fliegen? Muss ich meinen Urlaub in
Übersee verbringen? Kann ich elektrisch unterwegs sein? Wünschenswert ist dann natürlich, dass der Strom tatsächlich aus erneuerbaren Quellen kommt.
Johannes Quaas: Eigentlich ist die Regierung gefragt, denn das kann man nicht dem guten Willen Einzelner überlassen. Was die über 18-Jährigen unter uns tun können, ist, dass sie den Klimaschutz bei ihrer
Wahlentscheidung berücksichtigen. Welchen Rieseneinfluss das hat, haben wir bei der letzten Europawahl
gesehen. Dass überraschend so viele Menschen für den Klimaschutz gestimmt haben, hat die Kommissionspräsidentin Frau von der Leyen bewegt, den Green Deal zu starten. Und wenn der jetzt nicht verwässert wird, sind wir auf einem guten Weg.
Sie beide haben zu den Sachstandsberichten des Weltklimarates mit ihren Forschungsergebnissen
beigetragen. Können Sie einen konkreten Einfluss des Berichts auf die Klimapolitik von Regierungen
feststellen?
Mirko Scheinert: Das ist ein heißes Thema. In der Regel gibt es auch eine Kurzzusammenfassung für
Politiker. Aber in der Wissenschaftsgemeinschaft ist ziemliche Ernüchterung eingetreten, vor allem
seit der Wiederwahl Donald Trumps. Uns wird immer gesagt, wir Wissenschaftler müssten unsere Ergebnisse besser kommunizieren. Aber wenn die Politiker nicht zuhören oder es nicht wahrhaben wollen, was soll man dann erklären?
In den USA werden gerade Gelder für die Klimaforschung gekürzt, teilweise ganze Institute
geschlossen. Auch in vielen anderen Ländern sind Parteien oder Bewegungen auf dem Vormarsch, die
wissenschaftliche Erkenntnisse offen in Frage stellen. Erreichen Sie persönlich solche Vorwürfe?
Johannes Quaas: Natürlich. Es wird zum Beispiel immer noch behauptet, man sei sich in der Wissenschaft
uneinig, ob es den Klimawandel überhaupt gibt. In der Regel wird versucht, Wissenschaft mit ihren eigenen
Argumenten zu schlagen, indem man Dinge anzweifelt. Zweifel gehört zur Wissenschaft, aber es wird
einfach nur angezweifelt, ohne bessere Ideen zu liefern. Und wenn es Ideen gibt, werden die nicht der Kritik
ausgesetzt.
Laut Wissenschaftsbarometer ist das Vertrauen in die Wissenschaft stabil auf hohem Niveau.
70 Prozent der Befragten wünscht sich, dass sich Wissenschaft aktiv einbringt, wenn Fakten falsch
wiedergegeben werden. Welche Möglichkeit sehen Sie, das zu erreichen?
Mirko Scheinert: Es ist mittlerweile Konsens, wissenschaftliche Arbeiten so zu veröffentlichen, dass sie für jeden einsehbar sind. Aber wir müssen auch versuchen, unsere Arbeit der Öffentlichkeit verständlich zu erklären. Die Voraussetzung dafür ist, dass man einander zuhört. Ein anderer wichtiger Schlüssel, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu verstehen, ist Bildung. Dort sollte nicht gespart werden.