Aufsteigender aus dem Scherbenhaufen
In seiner Meißener Kindheit musste er sich verstecken – erst später erzählte ihm seine Mutter von jüdischen Wurzeln. Und aus Harald wurde Chajim Grosser. Die Geschichte einer späten Heilung.
Text: Andreas Roth // Fotos: Steffen Giersch
Er tritt auf das Gras, wo einmal das Grab seiner Eltern war. Die Rechte auf einen blauen Stockschirm gestützt.
Dann singt er. Ein Kaddisch, das jüdische Totengebet, auf Aramäisch: »Der du Frieden in den Himmeln
schaffst, gib uns auch Frieden über uns.« Er singt es warm und schwingend, er singt es mit der Melodie des
Schlusschorals aus Bachs Matthäuspassion. Das Kaddisch und Bach, der jüdische Schmerz und der christliche. Alles verschwimmt für einen Moment. Chajim Grosser, der als Harald auf die Welt kam, legt die Hand über die Augen. Sie kann die Tränen nicht zurückhalten.
Der Johannesfriedhof von Meißen ist ein christlicher Friedhof. Chajim Grossers Vater war in der SA, seine Mutter stammte aus einer christlichen Familie. Dachte sie. Bis die Angst kam. Da war Harald drei, vier Jahre alt. Ist es das rote Haus da gewesen? Oder das grüne gegenüber? Chajim Grosser kann es nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Über 80 Jahre ist das nun schon her. Auch die Erinnerungen verschwimmen. Doch wie er in der kleinen Straße nahe dem Meißener Friedhof steht, ist doch dieses Bild wieder da. Dieses Gefühl: Wie er mit seiner Mutter in Wintersachen im eiskalten Schlafzimmer einer fremden Wohnung sitzt. Den ganzen Tag, über Monate. Nicht einmal zur Toilette eine halbe Treppe tiefer haben sie gedurft, erzählt er. Ein sozialdemokratischer Postbeamter und seine Frau hätten sie die letzten Monate bis zum Kriegsende 1945
versteckt, so erinnert er sich. Potzka hätten sie geheißen. Und immer war da diese Angst.
Einmal seien Soldaten gekommen, die Stromleitungen überprüften. Einer von ihnen bewunderte den hölzernen Schlafzimmerschrank, er wollte hineinschauen. Die Postbeamtenfrau habe es mit einer Ausrede verhindert. »Da hat meine Mutter Blut geschwitzt«, sagt Chajim Grosser.
»Wir saßen beide im Schrank. Das sind Geschichten, bei denen ich mich frage: Habe ich das selbst erlebt – oder hat es meine Mutter mir erzählt?« Die Erinnerungen sind wie schwankende Eisschollen. Sicher ist nur die Kälte, die er spürt. Die Angst. Bis heute.
Chajim Grosser im Gespräch mit sinn-Reporter Andreas Roth auf dem Johannesfriedhof in Meißen.
Wo genau er als Kleinkind mit seiner Mutter versteckt war, kann Chajim Grosser heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Für klare Erinnerungen war er zu jung.
Aber den Maulbeerbaum, den Chajim Grossers Mutter einst gepflanzt hat, erkennt er wieder.
Durch ein kleines Loch in einem Bauzaun blickt ChajimGrosser auf den Ort, wo am Meißener Elbufer das Haus
seiner Eltern stand. Wo die Mutter mit ihrem kleinen Sohn wohnte, bevor sie sich versteckte. Der Vater war im Krieg. Grosser sieht die Maulbeerbäume, die seine Mutter gepflanzt hat, groß sind sie über die Jahrzehnte geworden und weit verzweigt. Heute steht ein Parkhaus hier. Eine S-Bahn rattert auf der nahen Eisenbahnbrücke über den Fluss. Chajim Grosser fängt wieder an zu singen: »Vöglein im hohen Baum«, singt er. »Klein ist’s, ihr seht es kaum, singt doch so schön.« Sein Lieblingslied. Immer wenn ein rumpelnder Zug über die Brücke kam, habe seine Mutter zu ihrer Laute gegriffen und für ihn gesungen. »Und als der Zug durchgefahren war, war es wieder still. Wir haben so gelebt, als würde es uns nicht geben.«
Der kleine Harald verstand nicht. Er sah nur die Angst seiner Mutter Johanna. »Ich habe meine Mutter so geliebt. Und wenn sie geweint hat, habe ich gedacht: Sie weint wegen mir.« Er erinnert sich an einen Zettel, der eines Tages unter der Wohnungstür durchgeschoben wurde. Er brachte ihn seiner Mutter. »Ihr müsst weg«, habe die Mutter gelesen.
»Wir saßen beide im Schrank. Das sind Geschichten, bei denen ich mich frage: Habe ich das selbst erlebt – oder hat es meine Mutter mir erzählt?«
Chajim Grosser
Da ist die Angst, die ihn noch als Erwachsener quälte. Immer wieder träumte er, er habe keine Arme, keine Beine, wie eingesperrt, nur noch schreien konnte er. Es war wie eine Erinnerung an ein Eingesperrtsein in einem Schrank. An ein Leben, als wäre er nicht da.
Erst nach dem Krieg begannen sich die Schollen der Erinnerung des Kindes zu einem Ganzen zu fügen. »Meine Mutter hat es mir stückweise erzählt, mal so und mal so.« Wie ihre Angst begann, als sie schwanger war. Und ihr eine Freundin ihrer eigenen Mutter, eine Hebamme, offenbart habe, dass sie in Wahrheit das adoptierte Kind eines jüdischen Paares aus Böhmen sei. 1940 war das. Wie sie im November zwei Jahre zuvor die jüdische Blumenhändlerin in einer Meißener Gasse beobachtet habe, die nach dem Pogrom die Scherben
ihres Ladens zusammenkehrte. Wie die Jüdinnen und Juden aus der Kleinstadt unter der Burg verschwanden. Wie die Angst in ihr groß wurde.
Chajim Grosser wurde christlich getauft - sein Judentum
entdeckte er erst später.
Chajim Grosser sucht an den
Orten seiner Kindheit in Meißen
eigene jüdische Wurzeln.
Ob er jüdische Vorfahren hat, ist weiter ungewiss. Als Erwachsener hat sich Chajim Grosser ganz bewusst für den jüdischen Glauben entschieden.
Chajim Grosser steigt eine steile Steintreppe hinab in die Kühle eines Meißener Kellers. Seine jüdische Geschichte gleicht einem Labyrinth im Untergrund, einer verdrängten Geschichte, die beim näheren Hinsehen in vielen Farben funkeln kann, nicht nur in den dunklen. Behutsam fährt er über die Rillen in den alten Steinen des Kellers. Hebräische Buchstaben. Sie erzählen die Geschichten von jüdischen Meißenern vor über 700 Jahren. »Das sind ja unsere Leute«, sagt Chajim Grosser. Grabsteine waren es, der Friedhof lag einst gegenüber dem Haus seines Urgroßvaters auf dem Jüdenberg hoch über Meißen. Er wusste als Kind nichts von ihm. 1349 war der jüdische Friedhof nach einem Pogrom von christlichen Meißenern zerstört worden. Die Juden wurden vertrieben, ihre Grabsteine zu billigem Baumaterial in den Kellern und an den Mauern der Stadt.
Juden lebten wahrscheinlich seit der Gründung Meißens hier. »Sie lebten nicht in einem Ghetto – ihre Häuser und ihre Synagoge lagen entlang der alten Handelswege an der Triebisch«, erklärt vor den Grabsteinen die
Judaistin Christiane Donath, die eine Ausstellung in der Meißener Frauenkirche über das jüdische Leben in der Stadt gestaltet. Denn Meißen entstand so wie andere sächsische Städte aus einer Siedlung von Kaufleuten – und etliche Händler waren Juden. Christliches und Jüdisches waren hier von Anfang an ineinander verwoben. Das jüdische Leben blühte im Mittelalter. Bis Krisen und die Pest kamen. Bis Sündenböcke gebraucht wurden. Und den Besitz der Juden, den nahmen christliche Nachbarn und Herrscher gern an sich.
Die Geschichte der Juden in Meißen ist ein Auf- und ein Abtauchen, oft genug ein gewaltsames. Nach den mittelalterlichen Pogromen holen die Meißener Markgrafen wieder jüdische Kaufleute und lassen sich ihren
Schutz von ihnen gut bezahlen, Jahrzehnte später werden sie erneut vertrieben. Erst im 19. Jahrhundert können sich wieder jüdische Familien in Meißen niederlassen. Bis zur Schoah. Bis zu der Zeit der unbestimmten Angst des Harald Grosser.
»Meine Mutter hat sich immer versteckt«, sagt er. Auch nach dem Krieg. Sie war getauft wie ihr Sohn, besuchte ihren christlichen Frauenkreis. Als Jüdin habe sie sich nie gesehen. Diese lebenspraktische Frau, die in einem Haushaltwarengeschäft Schnellkochtöpfe vorführte, sagte zu ihrem Sohn: »Wir sind alle Gottes Kinder.«
»Vergiss den da oben nicht. Er hat uns das zweite Mal das Leben geschenkt. Vergeude es nicht.«
Mutter von Chajim Grosser
Ihre leiblichen Eltern aber blieben unscharf im Nebel der Zeit. Sie erzählte ihrem Sohn von den Namen Joachim Maliska und Miriam Malinarek, die sie gelesen habe als Kind in Briefen ihrer Mutter. Tschechische Namen. Und an das Bild eines jungen jüdischen Mannes mit liebevollen Zeilen auf der Rückseite. Chajim Grosser, noch hieß er Harald, schrieb auf der Suche nach Antworten 1968 mit seiner Mutter an das Innenministerium der Tschechoslowakei. Ein Joachim Maliska sei auf einem Transport Richtung KZ Theresienstadt registriert worden, so die Antwort, danach verliere sich seine Spur. Die Frau sei unbekannt. Auch die Datenbanken des Internetzeitalters finden die beiden nicht.
In Meißener Kellern sind
jüdische Grabsteine aus dem
Mittelalter verbaut.
Die Geschichte der Juden in Meißen ist ein Auf- und ein Abtauchen, oft genug ein gewaltsames.
Christiane Donath erforscht die
jüdischen Wurzeln der Elbestadt.
»Die Demütigungen und die Angst aber«, sagt Chajim Grosser, »die gingen nicht weg.« Er lernte in der Meißener Manufaktur Kunstporzellandreher, studierte erst Medizin, dann Philosophie. Erforschte als Soziologe beim Rundfunk der DDR die Hörer (es waren nicht viele, fand er heraus). Bis er sich weigerte, kritischen Kollegen in den Rücken zu fallen. Da begann er in der Diktatur, Märchen zu schreiben und Novellen, wurde Krankenpfleger und Leiter eines Altenheims. Bis er nicht mehr konnte, bis sein Körper ihm ein Stoppsignal setzte.
Rettung suchte er in diesem alten Meißener Material, in einem alten Handwerk, das er in seiner Heimat erlernt hatte: in der Keramik. Chajim Grosser eröffnete in Berlin ein Atelier. »Ich musste fertig werden mit meinen Ängsten«, sagt er. Unter seinen Händen formten sich, als würden sie aus großer Tiefe ans Licht kommen, jüdische Figuren, jüdische Geschichten. Jakob zum Beispiel, dieser auf so verschlungenen Pfaden Gesegnete. Und mit den Figuren schienen sich auch die Trümmerstücke seiner Geschichte zu einem Ganzen zu formen. Bis ihn ein Besucher einer Ausstellung fragte: Warum kommst du nicht in eine jüdische Gemeinde?
»Da hatte ich keinen Grund mehr, nach meinen Wurzeln zu fragen.«
Chajim Grosser
So begann er mit über 60 Jahren, die hebräische Sprache zu lernen und die jüdischen Rituale, er ließ sich beschneiden. Rabbiner bestätigten ihm in einem jüdischen Gericht: Er ist Jude, von Geburt an. Aus Harald wurde Chajim. »Da hatte ich keinen Grund mehr, nach meinen Wurzeln zu fragen.« Ein brodelnder See schien zur Ruhe gekommen zu sein.
Auf seinem Grund liegen viele Worte seiner Mutter. Das Gespräch mit Gott zu suchen, habe sie ihn gelehrt. »Dieses Gespräch ist für mich jetzt ganz karg«, sagt er. »Ein Kaddisch beten, ja. Aber mit theologischen Spitzfindigkeiten kann ich wenig anfangen.« Chajim Grosser hat sich abgewöhnt, Gott um etwas zu bitten.
Bis vor zwei Jahren unterrichtete er noch als Berlins wohl ältester Lehrer Lebenskunde an einer Gesamtschule. Wenn seine Schüler ihn fragten, ob er an Gott glaube, antwortete er: »Ich glaube nicht an ihn, ich vertraue ihm.« »Vergiss den da oben nicht«, habe seine Mutter ihm mit auf den Weg gegeben: »Er hat uns das zweite Mal das Leben geschenkt. Vergeude es nicht.« Es wurde seine Lebensregel, sein Lebenskompass. »Und daraus ist ein ganz erfülltes Leben geworden.« Mit sechs Kindern und sieben Enkeln, mit Liebe. Trotz allem.
In Berlin arbeitet der gelernte Kunstprozellandreher Grosser nun als Keramikkünstler. Er verarbeitet seinen Glauben mit den Händen.
Foto: Simone Panitz
Als Künstler findet Chajim Grosser in seinem Berliner Atelier immer wieder zu jüdischen Motiven –
er formt sie aus den Bruchstücken
seiner Biographie.
Foto: Simone Panitz
Ein Werk heißt: »80-jähriger Aufsteigender aus dem Scherben-haufen«. Die Scherben sind aus Meißener Porzellan. Hände und Gesicht sind seine eigenen.
Foto: Simone Panitz
So steht Chajim Grosser an einem Februartag zwischen Gräbern auf dem Gras, unter dem seine Eltern ruhen. Dieses Rätsel seiner Wurzeln. Selbst für seinen Vater, den SA-Mann, empfinde er mittlerweile ein warmes und liebevolles Gefühl. »Oh, sehen Sie mal«, sagt er plötzlich und zeigt an den Fuß der Friedhofsmauer, »Schneeglöckchen, die ersten in diesem Jahr.«
Seiner Heimatstadt Meißen hat Chajim Grosser eines seiner Werke geschenkt. Gern würde er es in einer Ausstellung neben einem der Grabsteine des verwüsteten jüdischen Friedhofs aus dem Mittelalter sehen. »80-jähriger Aufsteigender aus dem Scherbenhaufen« hat er es genannt. Die Scherben sind aus Meißener Porzellan. Die Figur zeigt seine eigenen Hände, sein eigenes Gesicht.
"Jüdisches Leben in Meißen"
5. Juli – 6. Dezember 2026
Eine Ausstellung in der Frauenkirche Meißen
"Nach der Nacht"
Holocaustüberlebende über die Zukunft der Demokratie
26. Juni 2026 // FR · 19 Uhr
Propstei St. Trinitatis, Leipzig
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