Schwester Katze, Bruder Hund
Martina Richter und Axel Bär fühlen das Leid der Tiere. Mit ihrem Sebnitzer Tierschutzverein folgen sie dem Beispiel des Heiligen Franz von Assisi aus dem Mittelalter – dass Tiere
fühlende Geschöpfe sind wie wir, das ist heute so unerhört wie damals.
Text: Andreas Roth // Fotos: Steffen Giersch
Manchmal scheint es, als würde Martina Richter mit den Tieren zu einer Einheit verschmelzen. Ein schwarzer Katzenschwanz wedelt ihr über das Gesicht, mal verdeckt er das eine Auge, mal
das andere. Die kleine Schwarze mit dem samtigen Fell ist ihr auf die Schulter gesprungen. »Ist doch gut«, sagt Martina Richter leise zu der jungen Katze, es klingt wie eine Beruhigung. Auch für sich selbst. Denn sie kennt die Geschichte der kleinen schwarzen Katze mit dem samtigen Fell. Sie ähnelt den Geschichten der anderen zehn Tiere in dieser Katzen-WG im Kellergeschoss
ihres Wohnhauses: Sebnitzer Anwohner hatten dem Ordnungsamt streunende Katzen gemeldet, die Tierschützer stellten ihre Lebendfallen auf, die kleine Schwarze und ihre Mutter tappten hinein, sie waren gerettet. »Die zwei anderen Geschwister haben wir nicht fangen können«, sagt Martina Richter. »Die sterben dann. Das tut weh.«
Mit einem warmen Lächeln hinter der dunkelblauen Hornbrille schaut Martina Richter zur grau getigerten Mutter der kleinen Schwarzen. Die schaut mit schräg gestelltem Kopf zurück. Verschüchtert. »Sie haben Gefühle, eine Seele«, sagt Martina Richter. »Das ist das, was viele Menschen nicht verstehen, dass Tiere auch Schmerzen haben. Sie sind doch Mitgeschöpfe.«
Das hat auch jener Mann gefühlt, nach dem Richters Sebnitzer Tierschutzvereins benannt ist: Franz von Assisi (1181-1226). Für den italienischen Heiligen waren die Tiere Schwestern und Brüder einer großen göttlichen Familie. »Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen«, schrieb er in seinem berühmten Sonnengesang vor genau 800 Jahren.
»Franz von Assisi war der Schutzpatron der Tiere. Schutzpatrone der Tiere sind wir auch. Was sich findet, nehmen wir.«
Martina Richter
Von Schwester Lerche und Schwester Grille sprach der Heilige. »Selbst gegen die Würmer entbrannte er in übergroßer Liebe«, notierte ein Weggefährte. Auch in ihnen fand Franz die Weisheit des Schöpfers wieder. »Deshalb pflegte er sie vom Weg aufzusammeln und legte sie an einem geschützten Ort nieder, damit sie nicht von den Passanten zertreten würden.« Unerhört war das im Mittelalter. Unerhört ist es bis heute.
Axel Bär wandelt mit einer rosa Plastikschaufel in den Spuren des Heiligen. Dabei ist er gar nicht gläubig. Aber die Hinterlassenschaften der Katzen-WG müssen nun mal weg, die Tiere sollen es gut haben. Also steht der 58-Jährige, auch wenn er Spätschicht im Neustädter Wohnmobil-Werk hat, ziemlich früh auf. Öffnet zusammen mit Martina Richter Futterdosen, wäscht Näpfe aus. Über den Herd der Küche in der Katzenwohnung des Tierschutzvereins streunt ein Kater. Die
eine Hälfte seines Gesichtes ist weiß, die andere schwarz – »Phantom der Oper« hat ihn Axel Bär genannt.
Vor der Schicht kümmert sich Axel Bär um
die Katzen - und serviert ihnen Futter.
Tierliebe ist Handarbeit: Axel Bär hält die Katzenwohnung sauber.
Gerettet vor Hunger und Krankheit auf der
Straße: Die Sebnitzer Tierschützer geben
Katzen ein Zuhause.
Durch eine Klappe im Fenster können die Katzen hinaus auf die Terrasse. Blick über die Berge der hinteren Sächsischen Schweiz, die Wolken hängen tief über Sebnitz. Ein Zaun umfängt das Einfamilienhaus, der aussieht wie eine Reihe Buntstifte. Martina Richter hat es mit ihrem Mann
zu DDR-Zeiten gebaut. Er betrieb eine Fahrschule, sie einen Laden für Tee und Wein. Als sie im Ruhestand den Vorsitz des Sebnitzer Tierschutzvereins übernahm und die Wohnung im Souterrain ihres Hauses frei wurde, da richtete sie dort ein Zuhause ein für die gefundenen Tiere.
Charly springt mit spitzer Schnauze am Buntstift-Zaun empor. »Er ist schon ein lustiger Typ«, Martina Richter muss immer wieder über ihn lachen. Die drei Hunde, die sie aufgenommen hat, wohnen eine Etage über den Katzen – in ihrer Wohnung. Charly schläft in der Stube, er zerbeißt
auch gerne Holz, überall liegen die Splitter verteilt. »Wir leben für die Tiere«, sagt Martina Richter.
Nur werden es immer mehr. Überall in Deutschland klagen Tierschutzvereine und Tierheime über immer mehr abgegebene Tiere. In der Corona-Pandemie haben sich viele Menschen offenbar Haustiere zugelegt – die ihnen dann zu anstrengend wurden. »Diese Bedenkenlosigkeit nimmt zu«, beobachtet auch Martina Richter. 15 bis 20 Tiere werden pro Jahr in ihrem Verein abgegeben. »Viele Menschen sind sich nicht bewusst, dass sie Verantwortung haben für die Tiere.« Und dann steigen auch noch die Kosten für den Tierarzt und das Futter. Rund 2000 Euro bekommt der Sebnitzer Tierschutzverein im Jahr von der Stadt, denn die Sorge um Fundtiere ist Aufgabe der Kommune. Doch dieser Zuschuss reicht nicht einmal für die medizinische Behandlung der
Katzen und Hunde. Ganz zu schweigen von den Fahrten zum Arzt, von der täglichen Versorgung für die Tiere. Ein harter Kern von fünf der 25 meist älteren Mitglieder des Vereins stemmt das alles ehrenamtlich. »Ich bettel regelrecht um Spenden«, sagt Martina Richter. In einen Urlaub
ist sie schon lange nicht mehr gefahren. Eine muss ja bei den Tieren bleiben.
»Wir werden es erleben, wenn wir einmal in unserem Leben unseren letzten Schnaufer getan haben. Man hofft. Ich würde ja unsere Tiere so gern wiedersehen.«
Axel Bär
Die Terrasse vor der Erdgeschosswohnung ihres Hauses ist mit Gittern überdacht, zum Schutz der Katzen. Vor der Tür steht ein selbst gemaltes Schild mit »Hausglücks-Regeln«. »Träume!«, steht auf dem Brett und: »Zeigt Mitgefühl«. Das aber kann wehtun. Maja, die rumänische Hündin, die schon lange bei Martina Richter lebt, hat Arthrose. Sie kann kaum noch laufen. Hat Schmerzen. »Ich habe schon überlegt, ob ich sie einschläfern lasse«, sagt sie leise zu Axel Bär, sie blickt in den prächtig behangenen Apfelbaum und die Tränen lassen sich einfach nicht zurückhalten. »Mmmmh«, brummt Bär, »aber ihr Appetit ist noch wunderbar.« Da ist noch Leben,
Freude am Leben.
Martina Richter und Axel Bär haben nur eine dünne Haut, die sie von den Tieren trennt. Sie entschuldigen sich dafür, wenn Tränen fließen, dabei spüren sie nur, wofür schon Paulus in der Bibel Worte fand: das »Seufzen der Kreatur«, das Leiden der Geschöpfe. Und ihre Sehnsucht
nach Erlösung. Es sind wenige, die dieses Seufzen hören. Franz von Assisi gehörte zu ihnen. Dieser Sohn eines reichen Händlers, der bei den Armen lebte und freiwillig arm wurde. Von dem erzählt wurde, dass er Lämmer und Tauben aus Ställen und Käfigen befreite. Der forderte, dass
Ochse und Esel zu Weihnachten auch ein Festmahl erhalten. Weil in allen Geschöpfen die Liebe des Schöpfers durchschimmert, so sah er das.
Ein Auffangnetz für verlorene Tiere wollen Martina Richter und Axel Bär mit ihrem Sebnitzer Verein sein.
Martina Richter und Axel Bär entdeckten diesen merkwürdigen Heiligen erst, als sie in den Tierschutzverein eingetreten waren. »Franz hat im Stall gepredigt, er hat sich für die Tiere eingesetzt – das finde ich gut«, sagt Axel Bär. Obwohl er an keinen Gott glaubt. »Wenn man sieht, was die Menschen anderen Lebewesen antun – wenn es da eine höhere Macht gäbe, dann müsste sie doch sagen: Nee, jetzt ist Schluss!« Aber es ist nicht Schluss mit dem Leiden und Töten. Axel säubert geduldig den Stall. Ist da wirklich nur sinnlose Leere? »Wir werden es erleben, wenn wir einmal in unserem Leben unseren letzten Schnaufer getan haben. Man hofft. Ich würde ja unsere Tiere so gern wiedersehen.« Bobby jedoch lebt ganz im Hier und Jetzt. Schwarz-weiß
streift er um den Futternapf. »Bobby ist ein ruhiger Patron«, sagt Martina Richter. Sie kennt ihn, seit er in Hinterhermsdorf an einem kalten Wintertag aufgelesen wurde. Hungrig, abgemagert, ein Straßenkater. »Alle hier tragen schlechte Erlebnisse mit sich herum – aber wir wissen nicht, was genau sie durchgemacht haben.« Nur erahnen können es Martina Richter und ihre Mitstreiter: Wenn ein Tier bei einer bestimmten Bewegung oder bei einem bestimmten
Geräusch erschrickt.
»Selbst gegen die Würmer entbrannte er in übergroßer Liebe.«
Weggefährte über den Heiligen Franz von Assisi
Vor Jahren hatten sie eine Hoffnung. Wenn sie nur genügend Tiere von der Straße holten, würde das Leid kleiner und kleiner. »Aber das war eine Illusion«, sagt Martina Richter. Denn die Tiere vermehren sich, so hat es die Schöpfung eingerichtet. »Helfen würde nur eine Pflicht zur Kastration der freilaufenden Katzen und dass sie einen Chip tragen, um den Besitzer feststellen zu können.« Manche Kommunen schreiben das mittlerweile in ihrer Polizeiverordnung
vor. Martina Richters Tierschutzverein hat auch die Stadt Sebnitz mehrmals darum gebeten, immer wieder erfolglos.
Dass Teddy hinter Gittern leben muss, das schmerzt Martina Richter. »Du willst doch ein richtiger Kater werden «, sagt sie dem grauen Tier. Gegen andere Katzen sei er etwas dominant und grob, deshalb dürfe er nicht wie die anderen frei herumlaufen – aber zu Menschen sei er sehr
lieb. Martina Richter krault durch die Gitterstäbe sein Fell. Was sie glücklich macht? »Wenn unsere Tiere in ein liebes Zuhause gehen, wenn sie in liebe Hände kommen.« Wie letztens, als ein älteres Ehepaar ihr gleich zwei Katzen abnahm. Obwohl auch die Katzen schon alt waren und eine
von ihnen taub.
Nur Lucy, die kleine Hündin mit den Schlappohren, weicht ihr fast nie von der Seite. Oder liegt auf ihrem Schoß. »Franz von Assisi«, sagt Martina Richter, »war der Schutzpatron der Tiere. Schutzpatrone der Tiere sind wir auch. Was sich findet, nehmen wir.«