Besuch im Krieg
Sechs Leipziger sind im vergangenen August in die Partnerstadt Kyjiw gereist. In der Ukraine haben sie Kommunalpolitiker, Journalisten, Vertreter von Hilfsorganisationen, Kulturschaffende
und Geistliche getroffen. Im Interview erzählen Gesine Märtens und Beate Mitzscherlich vom Alltag unter Beschuss, einer enormen Hilfsbereitschaft füreinander und dem Bemühen, die Hoffnung auf Frieden und Aussöhnung nicht zu verlieren.
Die Fragen stellte Iris Milde // Fotos: Siegbert Schefke und weitere Mitglieder der Delegation
In der Ukraine herrscht seit 2014 Krieg. Seit 2022 steht auch die Hauptstadt Kyjiw im Visier der russischen Angriffe. Wie kam es zu dieser Reise in ein Kriegsgebiet?
Gesine Märtens (GM): Die Leipziger Ehrenbürgerin und Ehrenvorsitzende der Stiftung Friedliche Revolution Gesine Oltmanns hatte den Plan zu einer Bürgerreise mit dem Bürgermeister und ungefähr 40 Personen ausgearbeitet. Kyjiw ist ja die Partnerstadt von Leipzig und die Bürgerreisen in die Partnerstädte haben eine lange Tradition. Die Reise konnte dann aus Sicherheitsgründen nicht stattfinden, aber der Wunsch zu fahren blieb. Ich wurde gebeten,
eine kleinere Reisegruppe als Stadträtin zu begleiten und das habe ich gern getan.
Beate Mitzscherlich (BM): Die Grundidee war, ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Also zu zeigen, es ist uns nicht egal, dass seit 2014 im Osten Europas ein Krieg tobt. Ich war vorher schon in Kyjiw gewesen, meist um psychosoziale Projekte dort zu unterstützen. Wenn ich mit einem
LKW voller Hilfsgüter komme, dann ist das eine klare Sache. Zeichen der Solidarität dagegen sind relativ unscharf, aber an den Resonanzen habe ich gemerkt, dass es für die Leute sehr wichtig ist, dass sich jemand interessiert.
Touristen sind ja derzeit eine Seltenheit in Kyjiw. Wie haben die Menschen auf Ihren Besuch reagiert?
GM: Mit einer ganz großen Offenheit und großem Willen, mit uns zu sprechen. Für mich war beeindruckend, dass auch sehr viele wichtige Persönlichkeiten in Kyjiw bereit waren, sich mit uns zu treffen, zum Beispiel Bürgermeister Vitali Klitschko. Die Menschen wollen mit uns im Kontakt
sein und sie möchten, dass wir die gesellschaftlichen Herausforderungen dort sehen. Ein wichtiges Signal ist auch, dass jemand ein paar Tage bleibt, also nicht nur die Tage mit den Kyjiwern verbringt, sondern auch die Angriffsnächte.
Wie haben Sie die Stimmung in der Stadt erlebt?
BM: Auf den ersten Blick wirkt Kyjiw wie eine lebendige Großstadt. Die Metro fährt, die Leute gehen abends aus, die Restaurants sind voll, die jungen Leute tanzen auf dem Chreschtschatyk [Hauptstraße von Kyjiw, Anm. d. Redaktion]. Das hatte ich anders erwartet. Wir haben allerdings
ein Zeitfenster erwischt, in dem es vergleichsweise wenige Angriffe gab. Bis Ende Juli hatten die Leute wirklich jede Nacht in den unterirdischen Schutzräumen verbracht. Auf den zweiten Blick sieht man nicht nur die zerstörten Häuser, die eher in den Randbezirken sind, sondern man sieht
auch ziemlich viele Menschen mit Kriegsverletzungen. Und auf dem Maidan befindet sich ein riesiger Gedenkort für die Gefallenen, wo ständig Leute stehen bleiben, eine Kerze anzünden, eine Fahne dazustecken, auch ein neues Bild hinstellen. Und jeden Sonntag treffen sich die Frauen, deren Männer, Söhne und Brüder noch vermisst sind.
Gedenken im Zentrum von Kyjiw: Erinnert wird an die Opfer der Maidanrevolution 2013/14 und des Angriffskriegs.
Sonntags treffen sich Frauen, deren Angehörige vermisst werden auf dem Maidanplatz.
Gesine Oltmanns und Gesine Märtens legten auf dem Maidanplatz am 24. August, dem Unabhängigkeitstag der Ukraine, einen Kranz nieder.
Was lesen Sie in den Gesichtern der Menschen?
BM: Es gibt schon sehr viele sehr erschöpfte Menschen. Drei Jahre Krieg, drei Jahre nicht richtig geschlafen. Es ist ja auch ein ausgeblutetes Land. Seit 2015 hat etwa ein Drittel der Menschen das Land verlassen und die restlichen müssen das System irgendwie am Laufen halten. Das merkt
man den Leuten an. Wenn ich daran denke, dass bei uns nach zwei Jahren Corona die Nerven blank lagen, wundere ich mich, wie die Menschen dort diese andauernde Belastung
aushalten.
GM: Diese Müdigkeit schwebt über einem unglaublichen Engagement. Es gibt so ein euphorisches Moment in dieser Gesellschaft, das man spüren kann. Vielen Menschen geht
es ja immer noch darum, einen demokratischen Aufbruch zu wagen. Wir haben junge Menschen getroffen, die ein alternatives Kulturzentrum aufbauen mit unglaublich viel Aktivität, Heiterkeit, Musik und Kunst und gleichzeitig sagen sie: Wir werden alle noch in diesen Krieg gehen. Nicht
nur die Männer, sondern wahrscheinlich auch die Frauen. Aber bis dahin schaffen wir hier etwas Neues.
BM: Das erzähle ich meinen Studenten jetzt ständig: Wenn man etwas macht, das die Situation verbessert, dann erzeugt das Resilienz. Ich kann den Krieg nicht beenden, aber ich kann dafür sorgen, dass es anderen Menschen besser geht.
Oft sind es die Frauen, die das Leben am Laufen halten, weil viele Männer an der Front sind. Die Frauen organisieren Hilfe für die Soldaten oder die fast vier Millionen Binnenflüchtlinge. Ihre Reisegruppe hat Vertreterinnen mehrerer solcher Organisationen getroffen. Was haben Sie erfahren?
GM: Wir haben Mitarbeiterinnen von East SOS getroffen, die Menschen aus den Frontgebieten retten, die sich nicht allein retten können. Kranke Menschen, alte Menschen, die oft die letzten sind, die gehen oder gehen müssen. Sie werden zum Teil bettlägerig aus ihren Häusern geholt, um sie dann in sichere Gebiete zu bringen. Diese Organisationen kümmern sich nicht nur um den gefährlichen Transport – oft schon unter Beschuss, sondern auch um den Neubau und die Renovierung von Pflegeeinrichtungen und die Verlagerung von Fachkräften, damit die alten und kranken Menschen ein stabiles Zuhause bekommen.
BM: Die alten Leute wollen natürlich nicht weg. Die Mitarbeiter haben uns erzählt, dass oft ein halbes bis dreiviertel Jahr Vertrauensaufbau nötig ist. In der Zeit werden die Menschen von Freiwilligen mit Medikamenten und Lebensmitteln versorgt und bekommen auch psychologische Unterstützung. Erst wenn sie von sich aus weg wollen, dann organisiert die Organisation den Transport für die Menschen mitsamt ihren Hühnern, Ziegen, Hunden, Bienenstöcken und was ihnen sonst noch wichtig ist.
GM: Es bleibt freiwillig, zu gehen. Das ist ein hoher Freiheitsgrad, den die Ukraine zugesteht. Man könnte sich auch vorstellen, dass die Ukraine diese Städte an der Front mit Gewalt räumt, aber das tut sie nicht.
BM: Wir haben auch noch eine NGO von Psychologinnen getroffen, die mit Binnenflüchtlingen sprechen und aufnimmt, was denen widerfahren ist. Die wiederum arbeiten eng mit einer NGO zusammen, die dokumentiert, welches Eigentum in den besetzten und umkämpften Gebieten verschwindet bzw. an russlandfreundliche Menschen übergeben wird. Wenn man weggeht, ist es ja nicht nur so, dass das Haus vielleicht zerbombt wird, es bekommt einen neuen Eigentümer. Dass es jemals Entschädigungen für die Verluste geben wird, ist überhaupt nicht abzusehen, aber die Mitarbeiter dokumentieren das erst einmal.
Mitarbeiterinnen der Hilfsorganisation
East SOS, die ältere und kranke Menschen
aus den umkämpften Gebieten an der Front
evakuieren.
Die Delegierten aus Leipzig haben in der Ukraine Kommunalpolitiker, Journalisten, Vertreter von Hilfsorganisationen, Kulturschaffende
und Geistliche getroffen.
Gesine Märtens (l.) und Beate Mitzscherlich bei einem solchen Treffen.
Sie haben symbolträchtige Orte in und um Kyjiw besucht. Den Maidanplatz, wo die Menschen 2014 für eine engere Anbindung an die EU demonstriert und Sicherheitskräfte mit extremer Gewalt durchgegriffen haben. In Babyn Jar ermordeten deutsche Nationalsozialisten 1941 über 33 000 jüdische Personen. Und in dem Kyjiwer Vorort Butscha hat die russische Armee 2022 während der Schlacht um die Hauptstadt ein Massaker an Zivilisten verübt. Wie haben Sie Butscha drei Jahre danach erlebt?
GM: Mir wurde klar, wie schnell und wie nah der Tod kommen kann. Das Gespräch mit dem stellvertretenden Bürgermeister war für mich sehr eindrücklich, weil er darüber sprach, dass es jede Familie getroffen hat, auch seine. Ohne jede Vorbereitung und ohne jedes Risikobewusstsein. Und er sagte: Es ist ja nicht vorbei. Wir schicken unsere Kinder in unterirdische Schulen. Noch dazu verbringen die Familien die Nächte in den Luftschutzkellern. Das ist unsere Realität und das halten wir kaum aus.
BM: Ich denke, Butscha hat uns allen ganz schön die Sprache verschlagen. Man steht da vor einer Riesenwand mit 400 Namen, die bis jetzt identifiziert wurden. Und dann steht neben ihnen ein Mann, der sagt, das war meine Kollegin. Die wollte mit ihren zwei kleinen Kindern wegfahren und das Auto wurde durchsiebt. Man muss es geographisch verstehen. Das wäre so, als würden die Russen in Altenburg landen, mit Panzern nach Leipzig fahren und in Markkleeberg stecken bleiben. Ich habe den Bürgermeister gefragt, wie er das aushält. Das ist ja auch eine traumatisierte Kommune. Er sagte, dass er seit einem Jahr eine Therapie macht. Er hat zwar nicht das Gefühl, dass es ihm besser geht, aber er kann weiter arbeiten.
Treffen mit dem Bürgermeister von Butscha am Denkmal, das an die über 400 Menschen erinnert, die 2022 während eines Massakers durch Angehörige der russischen 4 Armee allein in Butscha ermordet wurden.
Die Delegation aus Leipzig mit dem Bürgermeister von Butscha vor der dortigen Kirche.
Fotograf Siegbert Schefke vor einem Mahnmal aus ausgebrannten Autos in Butscha.
Auch Kyjiw selbst ist immer wieder Ziel von Angriffen. Im Sommer gab es mehrere Raketen- und Drohneneinschläge in Außenbezirken der Stadt. Dabei sind Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Wie gehen die Kyjiwer mit dieser ständigen Gefahr um?
BM: Wir waren mit dem Rajonbürgermeister [Rajon = Stadtbezirk, Anm. d. R.] und einer Verwaltungsmitarbeiterin an einem der kurz zuvor zerstörten Häuser. Die Mitarbeiterin ist dann mal um die Ecke gegangen und ich bin ihr gefolgt. Sie hat geweint und gesagt, dass sie einen Enkel in dem Alter von dem Kind hat, das dort auf dem Bild seine Medaille zeigt. Völlig verrückt ist, dass die Leute im Nebeneingang weiter wohnen. Die Scheiben sind schon repariert, der getroffene Aufgang ist abgerissen und Wasser und Strom sind wieder angeschlossen. Das geht alles extrem schnell.
GM: Die Außenbezirke werden getroffen, weil sie nicht so gut geschützt werden können wie das Zentrum. Aber die Menschen haben diese Wohnungen gekauft, sie können nicht kündigen und wegziehen. Gerade dort, wo so ein ganzes Haus und mehrere Familien ausgelöscht worden sind, wird einem das Perfide dieses Kriegs noch einmal bewusst. Es hatte vorher schon einen langen
Angriff gegeben und die Familien waren Stunden im Luftschutzkeller gewesen. Nach der Entwarnung sind sie zurückgegangen und dann gab es noch einen Treffer. So etwas macht man nicht, um Gelände zu gewinnen, sondern wenn man wirklich Menschen töten will, weil man ihnen
keine Chance gibt auszuweichen.
Im Sommer zerstörter Wohnblock im Außenbezirk von Kyjiw.
Unter den Opfern waren auch Familien mit Kindern.
Im Zentrum von Kyjiw befindet sich die Sophienkathedrale, eines der bedeutendsten Bauwerke des orthodoxen Christentums und Welterbestätte. Dort haben Sie mit dem Priester Heorhii Kovalenko gesprochen. Er ist Rektor der 2016 gegründeten Offenen Orthodoxen Universität. Welche Antworten hat die Kirche auf den Krieg?
GM: Die orthodoxen Christen in der Ukraine haben sich vom russischen Patriarchat gelöst und es entstand die eigenständige Orthodoxe Kirche der Ukraine. Im Zuge dieses Prozesses wurde die Offene Orthodoxe Universität gegründet, die mit den gleichen Zielen verbunden ist wie eine Evangelische oder Katholische Akademie in Deutschland. Dialog zwischen Glauben, Politik und Zivilgesellschaft. Die Akademie hat eine eigene Fernsehsendung. Heorhii Kovalenko ist in der Ukraine ein Star. Er konnte uns sehr eindrücklich berichten, welchen Weg die ukrainische orthodoxe Kirche mit dem Maidan gegangen ist, nicht mehr Staatskirche zu sein, sondern ein selbstständiges Subjekt zu werden zwischen Staat und Gesellschaft.
BM: Er ist ein sehr beeindruckender Mensch. Als ich wieder in Deutschland war, habe ich darüber nachgedacht, was mir in der Ukraine einen Funken Hoffnung gegeben hat. Dieser Priester hat eine Perspektive eröffnet. Worauf kommt es in Zukunft an? Auf Versöhnung. Das schon im Krieg zu formulieren, ist Aufgabe der Kirche.
GM: Er hat die Verteidigung der Ukraine als Teil eines Erlösungsprozesses beschrieben und in den historischen Kontext einer über 100 Jahre währenden Imperialisierung durch Russland eingeordnet. Es geht nicht um Quadratmeter, sondern um viel, viel mehr. Es geht um Freiheit. In der Offenen Orthodoxen Universität steht der Friedensdiskurs an erster Stelle. Also die Frage, wie kann Frieden gelingen und was bedeutet Frieden? Die Universität sieht es als ihre Aufgabe, diesen Dialog zu befördern und von dem Friedens-und Freiheitsgedanken nicht abzulassen.
In der Sophienkathedrale in Kyjiw traf die Delegation aus Leipzig den Priester und Direktor der Offenen Orthodoxen Universität Heorhii Kovalenko.