Junge Spürnasen in alten Geschichten

Was treibt junge Menschen an, sich mit Ereignissen zu beschäftigen, die fast 70 Jahre vor ihrer Geburt geschehen sind? Die Junge Gemeinde in Wurzen widmet sich seit etlichen Jahren einem der dunkelsten Kapitel in der Historie ihrer Stadt – der Zeit des Nationalsozialismus.

Text: Iris Milde // Fotos: Steffen Giersch und Evangelische Jugend Wurzen

Magdalena Heine steht vor einem mit Efeu bewachsenen Grab. Mit den Fingern entfernt sie die Spinnweben von dem roten Holzkreuz, in das ein polnischer Adler geritzt ist. Darauf steht: Felicija Okrasinska. »Das ist die Frau, deren Geschichte ich recherchiert habe«, sagt die 19-jährige Magdalena bewegt. Vor vier Jahren fand die Evangelische Jugend in Wurzen heraus, dass in den 13 Gräbern mit ausländisch klingenden Namen auf dem Wurzener Friedhof nicht – wie bis dahin angenommen – Opfer von Todesmärschen liegen, sondern Zwangsarbeiter. Ein kaum bekanntes Kapitel der Wurzener NS-Geschichte. »Es ist sehr berührend, diese Namen zu lesen und zu
wissen, sie liegen hier, aber nichts erinnert an sie und ihr Schicksal«, sagt Magdalena. 
Magdalena und ihre Mitstreiter von der Jungen Gemeinde wollten wissen, was sich hinter den Namen verbirgt. Sie gaben einen nach dem anderen in die Onlinedatenbank der Arolsen-Archive
ein, in denen weltweit die größte Zahl an Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus
hinterlegt ist. Felicija Okrasinska taucht in zehn Dokumenten auf: Gräberlisten, Namensliste der Waggonfabrik Uerdingen AG, Namenslisten der Stadt. Die Blätter sind vergilbt, die Listen mit Schreibmaschine oder Hand ausgefüllt, manche kaum zu entziffern. Aber sie liefern die Eckdaten
eines Lebens: Felicija Okrasinska, geboren am 26.1.1914 in Białystok, angekommen in Wurzen am 23.9.1944, Arbeitsstätte Waggonfabrik Wurzen A.G., Tätigkeit als Poliererin, Todestag 17.7.1945, Todesursache Lungentuberkulose.

 »Es ist sehr berührend, diese Namen zu lesen und zu
wissen, sie liegen hier, aber nichts erinnert an sie und ihr Schicksal.«
Magdalena 


»Die Todesursache Tuberkulose haben wir sehr oft gelesen. Viele sind aber auch einfach an Entkräftung oder Lebensschwäche gestorben, weil sie so heruntergehungert waren«, erklärt Magdalena. Das trifft vor allem auf die Kinder zu. Das jüngste auf dem Wurzener Friedhof wurde zwei Monate alt, das älteste sieben Jahre. »Die haben noch nichts erlebt, nur Schrecken und Leid und dann waren sie schon tot«, sagt Mia Neustadt, ebenfalls 19 Jahre, sichtlich erschüttert.
Während ihrer Recherche stießen die Jugendlichen auf immer weitere Stellen auf dem Friedhof, wo Zwangsarbeiter oder ihre Kinder begraben sind, rechts und links der Wege, wo gerade Platz war. Mia und Magdalena wissen, wo sie liegen, alle 39. An manche erinnert ein Grab mit einem Kreuz darauf, aber die meisten Gräber sind unsichtbar, unter Grasnarben oder dichtbewachsenen Efeuflächen verborgen. Die Junge Gemeinde hat deshalb an zwei Stellen auf dem Friedhof mit Unterstützung lokaler Firmen Natursteine aus Granit legen und daran Messingplatten mit den
Namen der dort beerdigten Zwangsarbeiter und ihrer Kinder anbringen lassen. 2026 soll ein dritter Stein dazukommen.

Über 4000 Menschen aus Frankreich, Polen, Russland, Ungarn, Serbien und der Ukraine
mussten in Wurzen und Umgebung Zwangsarbeit leisten. Mindestens 160 von ihnen
verstarben. Ein Großteil der sterblichen Überreste wurde in die Heimatländer überführt,
nicht aber die der polnischen Zwangsarbeiter.
Über sie hat die Junge Gemeinde in akribischer Archivarbeit Informationen gesammelt.

An viele der in Wurzen gestorbenen
Zwangsarbeiter erinnert heute nichts mehr. Magdalena (links), Mia (Mitte) und Fabian Hanspach (rechts) wissen, dass unter dieser Efeufläche drei polnische Frauen liegen.

Für die verstorbenen Kinder hat die Junge Gemeinde einen Gedenkstein legen lassen. 

»Leider hat man nie die Gewissheit, alle gefunden zu haben«, bedauert Fabian Hanspach. Der 30-Jährige ist der Diakon der Jungen Gemeinde in Wurzen und Initiator des Projekts GrenzGeschichten, zu denen auch die Recherchen über die Zwangsarbeiter gehören. Als der geborene Wurzener 2018 nach seinem Studium der Religions- und Gemeindepädagogik die Junge Gemeinde in Wurzen übernahm, regte er einen Jugendaustausch mit der polnischen Partnerstadt Milicz an. »Wir waren 2019 dort und haben mit polnischen Jugendlichen auf einem evangelischen
Friedhof, der seit 1945 verlassen war, die Gräber von Unkraut befreit und Grabsteine geputzt.« Das war der Beginn von GrenzGeschichten.
Da der geplante Gegenbesuch 2020 wegen der Corona-Pandemie entfallen musste, suchte die Junge Gemeinde nach einem Ersatz. Über Umwege erhielten sie ein Tonband. Darin erzählt Hans Luchtenstein auf Englisch seine Lebensgeschichte, wie er als jüdischer Junge in Wurzen aufgewachsen und dann vor den Nazis nach England geflohen war. »Die Familie wusste nichts von seiner Vergangenheit, aber hat dann die Tonbänder gefunden und uns geschickt«, erzählt Mia. In Wurzen kannte man den Namen Luchtenstein von Stolpersteinen in der Innenstadt. Dank der Jungen Gemeinde erfuhr die 16-Tausend-Einwohner-Stadt auch, was der jüdischen  Unternehmerfamilie Luchtenstein widerfahren war. Denn die Jugendlichen übersetzten die Tonaufnahmen aus dem Englischen und produzierten einen Dokumentarfilm. »Ich fand diese Geschichte enorm spannend und erschreckend «, sagt Mia im Rückblick. Im Film hört man die
brüchige Stimme von Hans Luchtenstein, der erzählt, dass in der Reichspogromnacht das Warenhaus seiner Familie zerstört und sein älterer Bruder in Sachsenhausen interniert wurde: 

»Und da sah ich diesen alten Mann am Bahngleis, total zusammengefallen, geknickt, er lief so langsam. Mein einziger Gedanke war: ›Dieser alte Mann muss aus einem Konzentrationslager kommen.‹ Und als ich näher kam, sah ich: Dieser alte Mann war mein 19-jähriger Bruder Walter.«
Hans Luchtenstein


Den Film hat die Junge Gemeinde den Nachfahren von Hans Luchtenstein geschickt und Fabian Hanspach hat die Familie in England besucht: »Wir haben ein enges Verhältnis, darüber bin ich sehr dankbar. So schlimm die Ereignisse waren, jetzt können wir etwas Gutes daraus machen.«
Fabian Hanspach zeigt auf zwei identische Gedenksteine rechts und links vom Hauptweg auf dem Wurzener Friedhof. »Hungermarsch April 1945«, steht darauf. Die Gedenksteine wurden schon zu DDR-Zeiten aufgestellt. »Aber wir haben herausgefunden, wie viele Opfer der Todesmärsche da liegen«, so der Diakon. Sieben Menschen auf jeder Seite des Wegs sind es. Ein winziger Teil derer, die tatsächlich auf den Märschen umgekommen sind. Zwischen dem 13. und 15. April 1945 hätten Zigtausende an der Mulde in Wurzen gelagert, so Hanspach, die aus den unterschiedlichsten
Lagern aus Leipzig getrieben worden waren. »Dazu kam ein Hungermarsch mit 1500 ungarischen Jüdinnen.« Fabian Hanspach ist wie seine Schützlinge in den vergangenen Jahren zum Experten für Wurzener NS-Geschichte geworden. »Man muss sich das vorstellen wie einen Wühltisch im
Kaufhaus: Man findet ein historisches Detail, dann ist man elektrisiert und will immer mehr herausfinden.«

Hans (l.) und Walter Luchtenstein sind in Wurzen aufgewachsen. Ihre Familie führte ein Warenhaus. In der Reichspogromnacht wurde es  angegriffen. Walter und der Vater kamen in Haft, Walter sogar ins KZ Sachsenhausen. Die Brüder schafften es aus Nazi-Deutschland heraus. Die Eltern überlebten die Schoa nicht. 

Hans Luchtenstein im hohen Alter in seiner neuen englischen Heimat. Nach seinem Tod fand die Familie Tonaufnahmen, in denen er seine Geschichte erzählt. Die Junge Gemeinde Wurzen hat sie ins Deutsche übersetzt undeinen Dokumentrfilm über die Geschichte der Luchtensteins erstellt. 

Vor dem ehemaligen Warenhaus in der Jacobsgasse erinnern Stolpersteine an die Familie Luchtenstein. 

Während ihrer Recherchen stieß die Jugendgruppe 2023 auf das Buch »The Nine« der amerikanischen Autorin Gwen Strauss. Sie beschreibt darin, wie neun Frauen – darunter ihre Großtante – in den HASAG-Rüstungswerken in Leipzig lebensgefährliche Zwangsarbeit verrichten mussten und im April 1945 auf einen Todesmarsch durch Wurzen geschickt wurden. Die neun Frauen entkamen und überlebten. »Das Buch war in 16 Sprachen übersetzt, aber nicht ins Deutsche«, erzählt Fabian Hanspach. »Wir haben Gwen Strauss angeschrieben und gefragt, ob wir das Buch übersetzen dürfen.« Nach einem Besuch der Autorin in Wurzen bekamen die Jugendlichen grünes Licht. Anderthalb Jahre brüteten sie über dem englischen Original und deutschen Formulierungen. Zum Start ist die 15-köpfige Gruppe für ein paar Tage nach Dresden gefahren. »So konnten wir zusammen anfangen und uns über schlimme Stellen austauschen«, sagt Mia. Denn was sich Wort für Wort vor den Jugendlichen eröffnete, war keine leichte Kost. »Ich hatte das 10. Kapitel. Da ging es darum, wie die Soldaten mit den deutschen Frauen und den Zwangsarbeiterinnen nach der Befreiung umgegangen sind. Die Vergewaltigungen. Da schluckt man dann schon.« Jeweils zwei Jugendliche übersetzten ein Kapitel gemeinsam, in den Ferien, an den Wochenenden, viele steckten mitten in den Abiturprüfungen. Unterstützt wurden sie von einer Übersetzerin und einer Lektorin, die die deutschen Texte gegenlasen. Der kritische Blick sei nötig gewesen, so Diakon Fabian Hanspach: »Einer von uns hat ›Allies‹ nicht als ›Alliierte‹ übersetzt, sondern als ›Aliens‹. Da waren plötzlich Außerirdische in der Normandie.« Die Jugendgruppe fuhr sogar an einem Tag alle Schauplätze aus dem über 300 Seiten starken Buch ab. So standen sie auch an dem Feld, wo den neun Frauen während des Todesmarschs in
einem unbeobachteten Augenblick durch einen gewagten Sprung in den blühenden Raps die Flucht gelang. »Wir waren am Tag genau 80 Jahre später da«, erinnert sich Mia, »und noch immer
wurde auf diesem Feld Raps angebaut.« Auch für Magdalena war das der größte Gänsehautmoment: »Ich stand dort und dachte: sie waren auch hier. Nur dass wir das Glück haben, in einer anderen Zeit zu leben.«

 

»Durch diese gemeinsamen Projekte schaffen wir Erinnerungen und Gefühle, die bleiben.«
Fabian Hanspach


Am 7. Mai 2025, 80 Jahre nach Kriegsende, konnten die Jugendlichen gemeinsam mit der Autorin Gwen Strauss die im Sax-Verlag erschienene deutsche Übersetzung »SIE WAREN NEUN« im voll
besetzten Wurzener Dom präsentieren. »Das fühlte sich an, als hätten wir es jetzt wirklich geschafft!«, sagt Mia mit einem Lächeln. Bisher habe die Gruppe nur positive Reaktionen auf ihre Veröffentlichungen zur Zeit des Nationalsozialismus in Wurzen bekommen, so Fabian Hanspach. »Für uns ist aber immer wichtig gewesen: Wir sind politisch, ohne parteiisch zu sein. Wir sind
aktiv, ohne Aktivisten zu sein.« GrenzGeschichten seien ein Projekt, das das christliche Menschenbild in die Gesellschaft hinein transportiere. »Hier kann Kirche Brücken bauen zwischen Extremen. Aber dafür müssen wir verstehen, woher Extreme kommen. « Meist sei die JG in Wurzen aber eine ganz normale Junge Gemeinde, die sich einmal in der Woche trifft, gemeinsam Spaß hat oder Andachten hält – aber sich eben auch mit Geschichte befasst. »Und durch diese gemeinsamen Projekte schaffen wir Erinnerungen und Gefühle, die bleiben.«
Die Erinnerung an einen besonderen Tag tragen Mia und Magdalena am Handgelenk: Zwei Armbänder mit der Aufschrift »Seid Menschen«, dem bekannten Aufruf der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer. Am 16. September 2025 wurde die Evangelische Jugendarbeit Wurzen in Berlin für ihre kontinuierliche Aufklärungsarbeit mit dem renommierten Margot Friedländer Preis geehrt. Die Laudatio hielt die First Lady Elke Büdenbender. Mit dem Preisgeld wollen die jungen Hobbyhistoriker unter anderem einen Audioguide aufnehmen, der die  Geschichten der Menschen hinter den Namen auf den Stolpersteinen in der Stadt erzählt. »Wir möchten den Menschen, die es nicht mehr gibt, ihre Geschichte zurückgeben, damit man sich an sie erinnert und auch daran, dass so etwas nicht noch einmal passieren darf«, sagt Magdalena.

Anderthalb Jahre haben die Jugendlichen an der Übersetzung aus dem Amerikanischen gearbeitet. 

»Seid Menschen«: Das Armband haben die
Mädchen anlässlich der Verleihung des Margot
Friedländer Preises im September erhalten. Für ihre kontinuierliche Recherche- und Aufklärungsarbeit, wozu auch die Übersetzung des Buches "SIE WAREN NEUN" gehört. 

Im Mai 2025 konnten sie das frisch erschienene Buch »SIE WAREN NEUN« gemeinsam mit der Autorin Gwen Strauss im Wurzener Dom vorstellen.