Bauernhof statt Zelle
Auf einem Dreiseithof im sächsischen Mohorn können weibliche Strafgefangene die letzten
Monate ihrer Haftzeit verbringen. Dort werden sie schrittweise auf das Leben in Freiheit vorbereitet.
»Halbe Treppe« ist das erste Resozialisierungsprojekt dieser Art für Frauen in Deutschland.
Text: Iris Milde // Fotos: Steffen Giersch
Auf der halben Treppe ist man auf dem Weg, aber eben nicht am Ziel. Die Frauen, die in das Eintausend-Einwohner-Örtchen Mohorn südwestlich von Dresden kommen, sind auf dem Weg in ein neues Leben. So wie
Linda. »Ich will nochmal komplett neu starten«, sagt die 47-Jährige, die eigentlich anders heißt, aber anonym bleiben möchte. Sie zieht an ihrer Zigarette und schaut versonnen in den Garten. Wegen guter Führung durfte sie im Januar ihre Zelle in der Justizvollzugsanstalt Chemnitz, dem zentralen Frauenvollzug in Sachsen, gegen ein wohnliches Zimmer im Dachgeschoss des Fachwerkhofs in Mohorn eintauschen. »Für mich ist das immer noch aufregend. Die Türen sind offen, man kann sich frei bewegen, hört kein Schlüsselrasseln…« Ein Jahr und zwei Monate hat Linda im Gefängnis verbracht. Verurteilt wurde sie wegen Drogenmissbrauchs.
Es war ihr dritter Aufenthalt hinter Gittern und sie hat sich fest vorgenommen: Es soll auch ihr letzter sein. In dem Projekt Halbe Treppe auf dem ehemaligen Bauernhof in Mohorn will sie den Neustart nun wirklich
schaffen: »Der Vorteil hier ist, man wird nicht von heute auf morgen einfach rausgesetzt nach dem Motto ›Jetzt kümmere dich!‹«
Der Dreiseithof in Mohorn ist eine Art Zwischenstation auf dem Weg in die Freiheit. Bis zu vier Frauen leben und arbeiten dort gemeinsam in einer Wohngemeinschaft und werden rund um die Uhr von einem pädagogischen Team betreut.
»Die Grundidee ist, die Frauen eng zu begleiten und auf ihre Haftentlassung
vorzubereiten«, erklärt Teamleiterin Simone Stüber.
Halbe Treppe ist Teil des Strafvollzugs in freien Formen, während dessen im Gegensatz zum geschlossenen oder offenen Vollzug die Haftzeit außerhalb einer Justizvollzugsanstalt (JVA) abgeleistet wird. Bereits seit 2011 bietet der Verein Seehaus e.V. bei Leipzig für männliche Jugendstrafgefangene eine solche Alternative zum Gefängnis. 2019 eröffnete die schwarz-rote Landesregierung die Möglichkeit des Vollzugs in freien Formen auch für Erwachsene. Ziel ist es, die Zahl der Menschen, die nach ihrer Entlassung erneut straffällig werden, durch einen sanften Übergang in die Freiheit zu senken. »Unser Ziel ist es, dass alle, die hier waren, nie wieder in Haft gehen«, so Stüber. Halbe Treppe in Mohorn ist die einzige Einrichtung in ganz Deutschland, in der weibliche Gefangene ihre Freiheitsstrafe im Vollzug in freien Formen ableisten können. Denn Frauen sind hinter Gittern eine Minderheit. Von 2 136 Strafgefangenen in den sächsischen Justizvollzugsanstalten waren im Mai 2026 168 Frauen. Die Wiedereingliederung in die Gesellschaft, Resozialisierung genannt, gehört zu den Kernaufgaben der JVAs. »Aber was wir hier machen, kann aus der Haft heraus nicht geleistet werden«, meint Simone Stüber, die das Konzept für das Projekt Halbe Treppe mitentworfen hat. »Wir können mit den Frauen jederzeit rausgehen, eine Wohnung anschauen, ins Jobcenter gehen, eine neue Stadt besichtigen. Das geht in der JVA nicht.«
Statt auf Gefängnismauern schauen die verurteilten Frauen aus ihren Zimmerfenstern
auf den benachbarten Pferdehof.
Hühner, Laufenten, Hunde und Schildkröten leben mit den Frauen auf dem Bauernhof und werden von ihnen versorgt. Am liebsten ist Linda bei den Hühnern.
Besonders die Interaktion mit den Hunden tut den Bewohnerinnen gut. Tiere sind unvoreingenommen und wirken beruhigend.
Simone Stüber führt durch die Wohnetage im Dachgeschoss des Bauernhauses. Sitzbereich mit Sofa, Kreativecke, Boxsack, Tischkicker, ein Regal mit Gesellschaftsspielen, eine Küchenzeile. »Gerade die Gespräche beim Essen sind sehr wichtig, denn das ist eine intensive Beziehungsarbeit, die wir hier machen«, sagt sie und zeigt auf den großen Esstisch. Mindestens sechs Monate der verhängten Freiheitsstrafe sollten die Strafgefangenen noch vor sich haben, wenn sie nach Mohorn kommen, damit Stüber und ihr Team genügend Zeit haben, die Frauen fit für die Freiheit zu machen. »Viele müssen Konfliktfähigkeit lernen, Kompromissbereitschaft, sich abzugrenzen oder ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.« Die Betreuerinnen helfen bei der Arbeits- und bei der Wohnungssuche und dabei, die Vergangenheit aufzuarbeiten. »Da sprechen wir nicht nur über die eigene Biographie, sondern zum Beispiel auch über Schulden, die fast immer ein Problem sind«, so Stüber.
Linda kennt das Gefühl, wenn der Schuldenberg unaufhörlich wächst. »Aber während der letzten Haft habe ich wirklich aufgeräumt, damit ich komplett neu anfangen kann. Ohne Altlasten.« Nun sitzt sie im Polstersessel der WG, Jogginganzug, die Haare zu einem Knoten gebunden, die Beine entspannt übereinandergeschlagen, und blickt zurück: »Die ersten beiden Male in Haft bin ich rein, habe meine Zeit abgesessen und bin wieder raus. Ich habe dort nichts für mich gemacht.« Zwei Drogentherapien habe sie inzwischen hinter sich und sei nach der zweiten endlich clean, erzählt sie. In Mohorn werden die Frauen regelmäßig auf Drogen getestet. Auch Alkohol und natürlich Gewalt sind tabu. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss zurück in die JVA. »Mit den Regeln habe ich überhaupt kein Problem«, sagt Linda und fügt kopfschüttelnd hinzu: »Es ist mir unverständlich, wie man abhauen und das hier eintauschen kann gegen drinnen.« Zwei ihrer Vorgängerinnen haben es trotzdem getan und kamen wieder hinter Gitter.
Teamleiterin Simone Stüber: »Unser Ziel ist es, dass alle, die hier waren, nie wieder in Haft gehen«
Das fünfköpfige pädagogische Team ist gemeinsam mit den Mitarbeitern des Nachtdienstes rund um die Uhr für die Frauen ansprechbar.
Sozialarbeiterin Sophia Köhler: »Ich denke, dass sie sehr dankbar
sind, hier gewesen zu sein und es schaffen werden«
Nach ihrer Ankunft auf dem Bauernhof dürfen die verurteilten Frauen das Gelände nur gemeinsam mit einer der Mitarbeiterinnen verlassen. Stück für Stück werden die Auflagen gelockert. So können sie – immer in enger Absprache mit der JVA – nach einer gewissen Zeit auch einer geregelten Beschäftigung auf dem regulären Arbeitsmarkt nachgehen. Linda hofft, bald wieder in ihrem früheren Job in der Securitybranche arbeiten zu können: »Als ich mich gestellt habe, hat mein Chef mir zugesagt, dass ich nach der Haft wieder bei ihm anfangen kann.« Bis dahin geht die gelernte Tischlerin dem Hausmeister zur Hand und fährt mit ihm auch in andere Einrichtungen der Outlaw gGmbH. Outlaw ist eine Organisation im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe und – im Auftrag des Sächsischen Justizministeriums – Trägergesellschaft des Projekts Halbe Treppe. Die Frauen sollen sich aber auch um den Haushalt, den Garten und die Tiere auf dem Hof kümmern. »Am liebsten mag ich den Hahn. Aber der ist mich heute schon wieder angegangen, obwohl ich nichts gemacht habe«, beschwert sich Linda mit einem Augenzwinkern, während sie ein Huhn auf dem Arm hält
und ihm über das braune Gefieder streicht. Neben Hühnern leben auch Laufenten und Schildkröten auf dem ehemaligen Bauernhof, außerdem die drei Hunde der Mitarbeiterinnen. »Gerade die Interaktion mit den Hunden tut den Frauen gut«, sagt Teamleiterin Stüber, während Wilma auf den Hinterbeinchen tänzelt und um Leckerbissen bettelt.
Vollzug in freien Formen für Frauen unterscheide sich stark von dem der Männer, erklärt Sozialarbeiterin Sophia Köhler, die seit Beginn des Projekts im Jahr 2023 Teil des Teams ist. »Wir hatten am Anfang geplant, dass die Frauen hier ganz viel handwerklich machen. Aber die meisten Frauen bewirtschaften lieber
ein Gewächshaus als es aufzubauen. Sie kochen gern oder wollen etwas basteln.« Darüber hinaus fehle vielen Frauen nach den Monaten, die sie größtenteils in ihrer Zelle verbracht haben, die Kraft zu körperlicher Aktivität. Bereits der gemeinsame Einkauf im örtlichen Lebensmittelgeschäft ist in den ersten Wochen
eine echte Herausforderung, so Köhler. »Erstmal können sie es kaum fassen, dass sie sich selbst Lebensmittel aus dem Regal nehmen und bestimmen dürfen, was sie essen wollen. Und wenn wir heimkommen, sind sie wirklich k.o.«
Einmal im Jahr öffnet Halbe Treppe die Hoftore zum großen Sommerfest, zu dem auch die Dorfbewohner eingeladen sind. »Die Leute interessieren sich wirklich dafür, was hier passiert«, sagt Köhler. Anfeindungen hätten die Mitarbeiterinnen und die verurteilten Frauen noch nicht erlebt. »Wenn wir in den Laden gehen, dann wissen die Verkäuferinnen, wer wir sind und wo wir herkommen. Aber sie lächeln uns immer an und grüßen ganz freundlich.« Eine ehemalige Bewohnerin des Hofs habe nach ihrer Entlassung sogar in einem
Handwerksbetrieb in Mohorn eine Anstellung gefunden. So konnte ihr Kind auch nach Ende der Haftzeit in der örtlichen Kindertagesstätte bleiben, denn in dem Resozialisierungsprojekt gibt es auch einen Platz für eine Mutter mit Kind.
Die Frauen-WG befindet sich im Dachgeschoss des Bauernhauses. Dort gibt es vier Einzelzimmer und einen Gemeinschaftsbereich.
Besonders wichtig sind die Gespräche beim gemeinsamen Essen. Das pädagogische Team legt Wert auf eine intensive Beziehungsarbeit.
Im Dorf werden die Frauen freundlich aufgenommen
und Halbe Treppe beteiligt sich bewusst am Dorfleben, wie etwa Dorffesten.
Erdgeschoss des Fachwerkhauses auf. Im Schlafzimmer gibt es ein Kinderbett, eine Wickelkommode und allerlei Spielzeug und Kuscheltiere. »Die erste Mutter kam nach Mohorn, weil das Kind vier wurde«, erzählt sie. In der JVA kann ein Kind nur bis zu einem Alter von drei Jahren mit der Mutter gemeinsam in einer speziell dafür vorgesehenen Abteilung leben. »Wir haben die Wohnung hier aus dem Boden gestampft, weil wir nicht wollten, dass das Kind von der Mutter getrennt wird, wenn es vier wird.« In Mohorn kümmern sich die Mütter selbstverantwortlich um ihre Kinder, bringen sie zum Kindergarten und holen sie ab. »Durch die Kita haben wir viele Kontakte im Dorf geknüpft«, freut sich Stüber. »Die Kita hat uns sogar besucht.«
Laut Zahlen des Sächsischen Justizministeriums gab es 2025 im Freistaat 22 Plätze im Vollzug in freien Formen, im Schnitt waren ca. die Hälfte davon belegt. Auch in Mohorn waren beim Besuch von sinn nur zwei von vier Zimmern bewohnt. Das bedauert Simone Stüber: »Offenbar ist es schwierig, geeignete Frauen zu finden.« Gründe können sein, so Stüber, dass die Inhaftierten noch laufende Verfahren oder Suchtprobleme haben oder dass Fluchtgefahr besteht. Die meisten Strafgefangenen, die bisher in Mohorn waren, seien wegen Drogen-, Betrugs- oder Eigentumsdelikten verurteilt gewesen, so die Teamleiterin. »Aber grundsätzlich würde ich keine Straftat ausschließen. Auch eine Frau, die einen Mord begangen hat, muss irgendwann wieder in die Gesellschaft integriert werden.«
Im Erdgeschoss gibt es eine kleine Wohnung für Mütter mit Kindern.
Kinder dürfen nur bis zu einem Alter von drei Jahren bei ihren Müttern in der JVA bleiben. Mohorn eröffnet die Möglichkeit, dass Mütter von älteren Kindern nicht getrennt werden.
Die Mütter kümmern sich selbstständig um ihre Kinder. Sie bringen sie zur Kita im Dorf und holen sie auch wieder ab.
Von den 14 zu einer Freiheitsstrafe verurteilten Frauen, die seit 2023 in Mohorn untergebracht waren, mussten drei wegen Verfehlungen in die JVA zurückkehren. Zu den meisten Entlassenen haben die Mitarbeiterinnen weiterhin Kontakt, denn die Frauen können sich auch nach Ende ihrer Haftzeit beim Team von Halbe Treppe Hilfe holen. Zum Beispiel begleiten die Pädagoginnen bei Behördengängen oder machen Hausbesuche. »Ich denke, dass sie sehr dankbar sind, hier gewesen zu sein und es schaffen werden«, meint Sophia Köhler. In Deutschland verstoßen laut der bundesweiten Rückfallstudie von Jörg-Martin Jehle
und Sabine Hohmann-Fricke etwa ein Drittel der Entlassenen erneut gegen Gesetze. Frauen liegen mit 26 Prozent unter diesem Wert. Zwar kann das Sächsische Justizministerium keine belastbaren Zahlen nennen, ob das Rückfallrisiko nach einer Entlassung aus dem Vollzug in freien Formen tatsächlich sinkt, aber eine erste Auswertung zeige, »dass insbesondere die enge pädagogische Begleitung, die Förderung von Selbstwirksamkeit, die Verbesserung sozialer Integration sowie die strukturierte Vorbereitung auf die
Entlassung positive Wirkungen auf die Legalbewährung [dass ein Straftäter nicht rückfällig wird, Anm. d. Redaktion] entfalten können«.
Linda hat noch fast ein Jahr Zeit, sich auf den dritten Neustart in Freiheit vorzubereiten. Aber sie ist sich sicher, dass er ihr dann wirklich gelingen wird: »Ich habe ein viel besseres Gefühl als damals.«
Hündchen Wilma interessiert sich für das Reportermikrofon.
Sophia Köhler, Simone Stüber und eine Kollegin aus dem pädagogischen Team.
Auf halber Höhe über dem Hof liegt der Garten.
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